Wenn "Mutter" Kirche leibliche Kinder hat, dann verhält sie sich alles andere als mütterlich. Im Umgang mit den ungewollten Früchten der ungeistlichen Ergüsse ihrer Geistlichen offenbart die Kirche immer wieder ihre Strenge und Härte, die aber wohl eher Ängste und Unsicherheiten offenbaren.

Daß sich die Kirche im Umgang mit den Kindern ihrer Priester - gelinde gesagt - schwer tut, zeigt sich jedem/jeder schnell, der/die auch nur etwas in dieses Thema eintaucht. Umso wichtiger erscheint es da, umfassender zu informieren und genauer hinzusehen, wie es ein aktueller Artikel in der Zeitschrift Publik-Forum versucht - aber genau da fangen die Schwierigkeiten an. Denn zu vieles ist da undurchsichtig, wird verborgen und/oder geleugnet, als daß man in Erfahrung bringen könnte, wie die kirchliche Praxis wirklich aussieht.

Man ist also auf eigene Erkenntnisse und Vermutungen zurückgeworfen, mit denen man freilich sehr behutsam umgehen muß. Nicht verhehlen läßt sich indes, daß die kirchliche Ideologie - konkret: das Zölibatsgesetz - eine gewichtige Ursache in diesem Geflecht aus ungewollten Effekten und deren Vertuschung darstellt. Priester sind Männer und haben eine Libido - die läßt sich weder vollständig "umleiten" (kompensieren) noch "wegweihen", sondern bleibt jedem Priester zeit seines Lebens als eine ursprüngliche Energie, eine "existentielle Urgewalt" erhalten.

Die althergebrachte Empfehlung der Kirche, die eigene Sexualität als Hindernis auf dem Weg zu Gott und damit als Feind, den es zu bekämpfen gilt, anzusehen, greift nicht (mehr) bei jenen, die ein gesundes und ganzheitliches Verhältnis zu ihrem Dasein haben. Eine Leib- und Sexualfeindlichkeit, wie sie die Kirche über lange Zeiten hinweg propagiert hat, ist durch psychologische Erkenntnisse in unserer Zeit längst als lebensfeindlich und zerstörerisch entlarvt und einem aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts nicht mehr zu vermitteln.

Warum aber hält die Kirche selbst - mindestens latent - noch daran fest? Wer den aktuellen Weltkatechismus einmal auf seine Aussagen zur Sexualität des Menschen und dem gebotenen Umgang mit ihr abklopft, der muß zu der Erkenntnis gelangen, daß sich die Kirche immer noch nicht gänzlich von der Dämonisierung des Sexuellen losgesagt hat und den diesbezüglichen augustinisch-manieristischen Maximen nach wie vor erlegen ist.

Kann es sein - so ist vorsichtig zu fragen -, daß das Zölibatsgesetz letztlich auch ein Produkt dieser Leib- und Sexualfeindlichkeit der mittelalterlichen Kirche ist und sein Fortbestehen bis heute auch ein Zeichen für die noch immer andauernde zumindest unterschwellige Verteufelung der menschlichen Lust in der Kirche darstellt? Kann es darum sein, daß sich die Kirche deswegen entgegen besseren Wissens schwer damit tut, dieses unsägliche und leidbringende Gesetz endlich aufzugeben, weil sie damit auch ihre Einstellung zur Sexualität des Menschen grundlegend revidieren müßte und sich der Gefahr gegenübersehen würde, hier einen Dammbruch mit einem eminenten (nicht nur moralischen) Autoritätsverlust zu riskieren?

Wenn dem so ist, so möge der tausendfache Schrei der Priesterkinder und ihrer Mütter gegen das ihnen von der Kirche angetane Unrecht ebendiese Kirche dazu drängen, dieses Risko einzugehen, um den gordischen Knoten des Zölibatsproblems mit seinen breitgefächerten (vorwiegend negativen) Konsequenzen zu durchschlagen. Vielleicht kann der Artikel von Peter Otten dazu motivieren. Es wäre den Betroffenen zu wünschen.

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